FH Bielefeld
University of
Applied Sciences

Lebenswelten in Lateinamerika

Ein Praktikumsbericht einer Studentin (Mexiko, 2009)

Als ich mein Sozialpädagogikstudium an der Fachhochschule Bielefeld im Sommersemester 2007 begann, wurde ich auf ein Plakat aufmerksam. Es zeigte ein bolivianisches Kind, wie ich später erfuhr, und auf dem Plakat stand: "Kinderwelten weltweit. Begegnungen mit fremder Normalität durch forschendes Lernen in Afrika und Lateinamerika. Cornelia Giebeler und Studierende."

Sofort packte mich das Verlangen, in Lateinamerika ein Praktikum zu absolvieren.

Bereits nach dem Abi hatte ich mit dem Gedanken gespielt, ins Ausland zu gehen, fühlte mich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht bereit dazu. Als ich aber mit meinem Studium begonnen hatte, stand für mich fest, dass ich dies als nächsten Schritt in Angriff nehmen würde. Einige Semester später war es auch endlich soweit: Ich entschied mich für das Projekt "Lebenswelten von Kindern in Lateinamerika" und damit für einen Studienschwerpunkt im Bereich Interkulturelle Soziale Arbeit und Global Social Work. Nach zwei Semestern inhaltlicher Vorbereitung ging es für mich am 27.09.2009 auf nach Mexiko, genauer, nach Juchitán de Zaragoza.

ein Teil des Schulgebäudes

Ein Teil des Schulgebäudes in Juchitán

Ich habe ein sechsmonatiges Praktikum in Juchitán in einer Schule für beeinträchtigte Kinder abgeleistet. Meine Hauptaufgaben bestanden in der Betreuung, Begleitung und Unterstützung der Schüler und Schülerinnen während des Schulalltags. Hauptsächlich begleitete ich die Schüler und Schülerinnen der ersten Klasse und unterstützte die Lehrerin bei der Durchführung der Unterrichtsstunden.

Gelebt habe ich während meines Praktikums bei einer Lehrerin und ihrer Familie. Ich war sehr erstaunt darüber, dass man mich so ohne weiteres bei sich aufnahm und in die Familie integrierte. Sie lebt in einem schönen großen Haus, eher ungewöhnlich für die Bevölkerung. Während ich in der Familie der Lehrerin lebte, gab es natürlich auch Momente, in denen ich mich unwohl, unverstanden oder ungerecht behandelt fühlte.

Heute denke ich aber, dass diese intensiven Erfahrungen unumgänglich sind, wenn man in eine fremde Familie kommt und mit ihr zusammen lebt.

Teilweise waren es die unterschiedlichen Sichtweisen oder Überzeugungen, teilweise die unterschiedlichen Gewohnheiten, die mir das Gefühl gaben, nicht verstanden zu werden. Je länger ich jedoch dort war, desto mehr fühlte ich mich in den Alltag, die Gewohnheiten, in die Traditionen und die Kultur der "tecos und tecas" (Bezeichnung der Menschen aus Juchitán) ein. Ich war selbst sehr überrascht, als ich feststellte, dass ich mich unglaublich schnell "aklimatisiert" hatte.

Hätte mir zu Beginn meines Aufenthaltes jemand erzählt, dass eine Frau gestorben und kurze Zeit später wieder von den Toten auferstanden sei, ich hätte es als unglaubwürdig abgetan.

Nicht aber in meinem letzten Monat des Praktikums, als ich, ohne die Tatsache zu hinterfragen, ob dies den wirklich so sein könnte, in mein Tagebuch schrieb, dass der Tante meiner Gastmutter eben dies passiert sei.

Marsch der Kinder, Lehrer und Eltern in die Stadt zum Jahrestag der Schule

Marsch der Kinder, Lehrer und Eltern anlässlich des Jahrestages der Schule

Insgesamt ist es wirklich erstaunlich, wie schnell ich mich in der neuen Umgebung und in einer für mich fremden Kultur eingefunden habe. Ich denke aber auch, dass ein wichtiger Punkt war, dass ich mich dazu entschieden hatte, für fünfeinhalb Monate ins Ausland zu gehen. Der erste Monat bestand für mich noch aus einer Einfindungs- und Orientierungsphase. In dieser Zeit ging es mir sehr gut. Ich war sehr gespannt und freute mich, neue Dinge, Essen, Rituale etc. kennenzulernen. Der zweite und dritte Monat waren hingegen etwas schwieriger. Es gab eine Tiefphase, in der es mir sehr schwer fiel, mit den Begebenheiten und einigen Ansichten der Menschen in meiner Umgebung zurecht zu kommen und sie zu akzeptieren. Als ich jedoch diese Phase überwunden hatte, ging es mir wirklich gut! Ich fühlte mich zugehörig, akzeptiert und wertgeschätzt. Die letzten beiden Monate vergingen wie im Flug und als es an der Zeit war, wieder zurück nach Deutschland zu gehen, konnte ich es mir gar nicht so recht vorstellen. Mein Lebensmittelpunkt war doch nun dort, in Juchitán!

Die Erfahrungen, die ich in Juchitán gemacht habe waren sehr intensiv und ich bin froh, dass es so war.

Es wäre nicht dasselbe gewesen, nur halbherzig dort zu sein, nicht mit den Menschen zu leben, sondern nur bei ihnen zu leben. Daher und insgesamt ist zu betonen, dass es von unschätzbarem Wert ist, mit sehr guten Kenntnissen der Landessprache ins Ausland zu gehen. Neben den sprachlich bedingten Schwierigkeiten, die andernfalls auf einen zweifellos zu kommen werden, ist es nicht nur im Praktikum, sondern auch und insbesondere im Alltag ungeheuer wichtig, mit den Menschen kommunizieren zu können. Meines Erachtens ist es nur so möglich, authentische Einblicke in die Traditionen und Kultur, den Alltag und die Gewohnheiten der Menschen zu erhalten.

ich in der Werkstatt mit den Kindern

in der Werkstatt mit Kindern

Text und Fotos: J. Piel

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