FH Bielefeld
University of
Applied Sciences

Erfolgreiche Karrieren - Michael Runge

Michael Runge, Geschäftsführender Gesellschafter, CAE-Group, Beckum

Hätte Michael Runge die Physik-Klausur im zweiten Semester bestanden, lebte er heute wahrscheinlich nicht in Beckum. Er trüge seltener Krawatte, und so einige Kinderwagen sähen bestimmt anders aus - wenn es sie denn überhaupt gäbe. Die Welt würde vielleicht noch auf den faltbaren Fahrradträger warten, und an dieser Stelle würde über jemand anderen berichtet. "Ja, die Prüfung ging daneben", erinnert sich der der 43-Jährige. "Zum Glück", meint er lachend. Denn heute leitet Runge eine Unternehmensgruppe mit 60 Angestellten und beschäftigt sich erfolgreich mit dem Design und der Entwicklung von Produkten. Wäre mit dieser Prüfung 1988 alles glatt gelaufen, arbeitete Runge nun wohl irgendwo als Technischer Zeichner und nicht als geschäftsführender Gesellschafter der CAE-Group in Beckum.

Zwei Berufswünsche hegte Runge als Jugendlicher und entschied sich dann während der Schülerpraktika: Nicht Bauzeichner wollte er werden, sondern Technischer Zeichner. 1981 beendete er die Hauptschule in Hövelhof und begann bei dem heimischen Maschinenbauunternehmen ELHA eine Ausbildung. Schnell wurde ihm klar: "40 Jahre Zeichenbrett? Das kann ich mir nicht vorstellen. Da muss es etwas geben, das besser zu mir passt." Sein Meister sah das genauso. Er sah die besonderen Qualitäten seines Schützlings eher im Vertrieb. "Das war wie eine Initialzündung", sagt Runge. Die Technik interessierte ihn sehr und so überlegte er auch kurz, ob er vielleicht eine Techniker-Ausbildung anschließen sollte. Seinen Freund an der Berufsschule in Paderborn trieben ähnliche Gedanken um. Gemeinsam grübelten die beiden ein Weilchen und entschieden sich: Zeitgleich kündigten sie ihre Stellen, besuchten die Fachoberschule in Paderborn, und 1987 schrieben sie sich für ein Maschinenbau-Studium an der Fachhochschule (FH) Bielefeld ein.

Ein Albtraum: die Klausur "Höhere Mathematik"
Ein heimatnaher Studienort war angesagt. Wegen des schmalen Portemonnaies, denn BAföG gab es nicht. Runge lebte weiter in seinem Zimmer daheim bei Mutter und Bruder. Dort gab es auch die mentale Unterstützung für das ehrgeizige Vorhaben. Vormittags Vorlesungen und Seminare, nachmittags arbeiten um Geld zu verdienen, abends und nachts stand dann Lernen auf dem Programm. Da war keine Zeit für Disko und sonstige Vergnügungen. "Es war oft nicht so leicht", sagt Runge, "aber Jammern hilft ja nicht." Obwohl, toll habe er es nicht gefunden, dass er zum Beispiel sein Auto verkaufen musste. Es war zu teuer und er brauchte Geld, denn nach dem vierten Semester musste er den Job aufgeben. Er brauchte mehr Zeit zum Lernen. Das hatten die Erfahrungen im Grundstudium gezeigt. Die verpatzte Physik-Klausur im zweiten Semester hätte nicht sein müssen. Der Misserfolg hatte ihm sogar einen Appell bei seinem Prüfer eingebracht, bei Professor Heinrich Ostholt, dem späteren Rektor der FH Bielefeld und Runges heutigem Geschäftspartner und Freund.

"Alle Aufgaben angefangen, keine beendet, immer nur zu 50 Prozent gelöst - so geht das nicht! Ein Ingenieur muss seine Sache ganz machen, und das zügig!" Ostholt redete Klartext. Nicht nur in der Physik gelte das Gesetz: "Leistung ist Arbeit pro Zeit", gab er dem Prüfling noch mit auf den Weg. Bei dem ehrgeizigen 22-Jährigen fielen diese Ratschläge auf fruchtbaren Boden. Schon im nächsten Semester bei der Klausur "Höhere Mathematik", ein Albtraum nicht nur für die angehenden Ingenieure in Bielefeld, beherzigte Runge die Worte. Diese Prüfung hatte für ihn eine ganz besondere Bedeutung, denn sie sollte die Entscheidung über seinen künftigen Berufsweg bringen. "Hätte ich die Klausur nicht bestanden, wäre die Rückkehr zum Zeichenbrett unausweichlich gewesen", sagt Runge. Das habe er vorher mit sich ausgemacht. Für ihn war klar: "Schaffe ich die Mathe-Klausur, dann schaffe ich den Rest auch." Er behielt Recht. "Danach war das Studium ein Selbstläufer", berichtet Runge. Mit der Wiederholung der Physikklausur hatte er sich bis zum Schluss Zeit gelassen, "und sie dann tatsächlich mit Glanz und Gloria bestanden", erinnert sich Ostholt.

Arbeitsvertrag schon vor der Diplomprüfung
Die Diplom-Prüfungen waren im Dezember 1991 beendet, doch schon im Oktober trat Runge eine Stelle an. Keine Weltreise, keine Auszeit. "Die Finanzen waren restlos erschöpft, und ich musste Geld verdienen." Während des Studiums waren Kontakte in die Wirtschaft gewachsen, und so konnte er schon als Student einen Arbeitsvertrag unterschreiben - bei der Structural Dynamics Research Corporation (SDRC). Fortan arbeitete er im Vertrieb des US-amerikanischen Software-Unternehmens. Von den spannenden Aktivitäten in Beckum wusste Runge zu der Zeit noch nichts. Unter der Leitung seines Mentors Professor Ostholt war dort 1989 das CAE-Institut gegründet worden, ein An-Institut der FH Bielefeld, das sich mit dem Computer Aided Engineering (CAE), also der rechnerunterstützten Entwicklung von Produkten befasste.

Während Runge Berufserfahrungen als Ingenieur sammelte und eine Familie gründete, reifte in Beckum langsam der Entschluss, das Institut zu privatisieren. "Als wir einen Geschäftsführer für das neue Unternehmen suchten, dachten wir an Runge", erzählt Ostholt. Es gab ein paar Gespräche und Verhandlungen, im Dezember 1997 war der Vertrag unterschrieben und einen Monat später wurde Runge auch Gesellschafter. "Aus seiner Studienzeit kannte ich ihn als ehrgeizig, zielstrebig und zäh", begründet Ostholt die Entscheidung. "Er hatte Biss, war kompetent und brachte die Dinge, die er sich einmal vorgenommen hatte, auch zu Ende. Genau so jemanden wollten wir."

Vom Engineering-Büro zum Systemlieferanten
Mit rund einem Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurde aus dem CAE-Institut die CA Engineering und Service GmbH. Runges vorrangige Aufgabe war es, die Privatisierung erfolgreich umzusetzen. Gemeinsam mit Ostholt machte er sich ans Werk, und inzwischen hat sich das Unternehmen verfünffacht. Heute, gut zehn Jahre später, beschäftigt es 60 Mitarbeiter und hat einen Umsatz von 4,5 Millionen Euro. Der Spezialist für Produktentwicklung, CAD und CAE-Technologie ist fest am Markt etabliert, hat Kunden in der ganzen Welt und vereinigt - als CAE-Group - mittlerweile vier Firmen unter einem Dach.

Mit dem Ziel, die Abläufe im Hause weiter zu optimieren und ihren Kunden einen umfassenden Service rund um den gesamten Produktentwicklungsprozess aus einer Hand anbieten zu können, kaufte die CA Engineering und Service GmbH im Jahr 2000 die Schürer Design GmbH. Mit Industrie-, Konsumgüter- und Fahrzeugdesign hatte sich das Bielefelder Unternehmen einen Namen gemacht. Ein Jahr später kam die russische Tochter Mechanical Engineering Service in Welikij Nowgorod hinzu. "Gewissermaßen als verlängerte Werkbank", erklärt Runge. "Dort werden unter anderem arbeitsintensive Berechnungen wie zum Beispiel die zur Festigkeit durchgeführt".

Um künftig auch besser Eigenentwicklungen am Markt platzieren zu können, wurde 2008 die CA Software & Systems GmbH gegründet. Schon mit einem der ersten CAE-Produkte, einer in Kooperation mit Wissenschaftlern der FH Bielefeld entwickelten, akustischen Kamera, landeten die Beckumer einen Volltreffer: Noch bevor der "Noise Inspector" die Marktreife erlangt hatte, berichtete Wigald Boning in seiner Wissenschafts-Show "Clever" bereits über das hochempfindliche Messsystem, mit dem sich zuverlässig auch verborgene Lärmquellen orten lassen. Ursprünglich dafür gedacht, das CAE-Dienstleistungsspektrum weiter zu optimieren, entstand mit der sensiblen Kamera ein eigenes Produkt, das mittlerweile in Serie gefertigt wird. "Damit sind wir vom Engineering-Büro zum Systemlieferanten herangewachsen", sagt Runge.

Schön, funktional und nutzerfreundlich
Die CAE-Ingenieure beschäftigen sich unter anderem mit Konstruktion, Design und Simulation, mit Akustik, mechanischer Beanspruchung und mit der Schwingungstechnik. Entsprechend viele ingenieurwissenschaftliche Disziplinen finden sich in dem Unternehmen. Unter dem Motto "Engineering mit Leidenschaft" bietet es seinen Kunden den "Fullservice in der Produktentwicklung" - von der Einzellösung bei der Bauteiloptimierung bis hin zur Komplettlösung bei der Entwicklung ganzer Systeme. Die Vorher-Nachher-Bilder in den Fluren des dreistöckigen CAE-Gebäudes geben einen ersten Eindruck von den Arbeiten: Die Produkte auf den Nachher-Fotos sind schöner, und dass es sich an oder mit ihnen besser arbeiten lässt, also die Ergonomie verbessert wurde, erkennt der fachkundige Betrachter auch sofort. Was man nicht sieht, sind die Modifizierungen hinter den schmucken Gehäusen. Dabei geht es den Produkt-Designern zum Beispiel um Belastbarkeit und Lebensdauer der Bauteile, um die Geräuschminimierung, die Gewichtsreduktion oder auch um die Wartungsfreundlichkeit der Maschinen.

Am Anfang der Produktentwicklung steht die Idee, dann folgen zumeist die Zeichnungen der Designer. Klassisch mit Blei- und Buntstiften bringen sie ihre Entwürfe zu Papier. Dann folgt die Ingenieurarbeit: von der Konstruktion über Berechnungen bis hin zur Prüfung. Dafür stehen den CAE-Mitarbeitern bestens ausgestattete Labore zur Verfügung. So können die Konstrukteure die dreidimensionalen Zeichnungen von ihrem Rechner an die Rapid Prototyping-Maschine im Keller des CAE-Gebäudes senden, die binnen kürzester Zeit einen Prototypen erstellen kann. Nebenan im "akustischen Raum" werden Schallquellen untersucht, und ein Labor weiter arbeitet eine Hydropulsanlage. Das ist ein Prüfstand für Dauerfestigkeitsprüfungen. "Wir bauen diese Infrastruktur ständig aus um unser Dienstleistungsangebot weiter zu optimieren", sagt Runge.

Die CAE-Projekte sind vielfältig und der Kundenstamm ist groß. "Die Spezialdruckmaschinen von Fischer & Krecke zum Beispiel betreuen wir inzwischen in der zweiten Generation", sagt Runge. Zu den langjährigen Kunden zählen auch Unternehmen wie Miele, die Belimed-Gruppe sowie Wincor Nixdorf, für das die CAE-Group derzeit Geldautomaten weiterentwickelt. Für Westfalia-Automotive hat sie jüngst einen Fahrradträger gestaltet, der zusammengefaltet nicht größer ist als ein Reisekoffer. Seit einem halben Jahr ist er auf dem Markt. Auch das für Poschmann Industrie-Plastic weiterentwickelte Ansaugverteilersystem für die Porsche Carrera und Boxster wird bereits in Serie gefertigt. Um einen Fahrspaß der anderen Art ging es der Teutonia-Kinderwagenfabrik. Die Modelle "Joe" und "Esprit" wurden komplett in Beckum entworfen. Auch Reha-Kinderwagen hat CAE schon entwickelt. Für das Medizintechnik-Unternehmen Otto Bock HealthCare. Das hat kürzlich auch die Arbeiten für eine Unterschenkel-Prothese beauftragt. Die veranschlagte Entwicklungszeit: rund drei Jahre.

Blümchengrüße und gesellschaftliche Verantwortung
Runge verdeutlicht seine Ausführungen mit Zeichnungen an der Tafel in seinem Büro. "Papa ist der beste", steht dort von bunten Blümchen umrahmt unten links in der Ecke. Er hat einen 14-jährigen Sohn und eine 9-jährige Tochter. Von ihr stammt die kleine Liebesbotschaft. Mit dem Lappen schafft der Unternehmer Raum für neue Zeichnungen und putzt dabei sorgfältig um das Werk seiner Tochter herum. "Ja, die Familie ist mir wichtig", erzählt er nebenbei. Ihr gehöre auch das Wochenende, da sei er kategorisch. Er lese auch gerne, am liebsten zum Thema "Mittelalter". Dann berichtet Runge weiter über sein Unternehmen, von der Struktur, den Entwicklungen und den Zielen. "Wir wollen diese ganzheitliche Art der Produktentwicklung weiter etablieren", sagt er, redet von organischem, solidem Wachstum und von den Kooperationen. Natürlich mit der FH Bielefeld, aber auch mit denen in Emden und Münster sowie mit der Design-Hochschule Leipzig arbeite man zusammen - unter anderem in der Ausbildung des Nachwuchses. "Hier sehen wir auch eine gesellschaftliche Verantwortung", betont er. CAE betreue stets mehrere Diplomanden. "Ach ja, und derzeit auch drei Azubis. Technische Zeichner übrigens", setzt Runge schmunzelnd nach.
(Text und Foto: Sabine Nollmann)